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Fest verwurzelt, mit Blick nach vorn

Am östlichen Ende des Grossen Moos produziert Yves Ramseier das, was bei uns selbstverständlich im Einkaufswagen landet.

Grüne Kiste mit verschiedenem Gemuese aus dem Seeland.

«Die sehen gut aus.» Mit einem geübten Griff zieht Gemüsebauer Yves Ramseier eine rote Zwiebel aus der Erde. Sie zeigt alle Anzeichen, dass sie reif ist. Teile des Laubes sind welk, die Pflanze hat während Monaten alle Kraft von den Blättern in die Knolle transportiert. Die Wurzeln – ein dichtes Büschel aus dünnen, hellen Fäden – haben ihre Arbeit getan. Sie werden die Zwiebel während der Trocknungsphase noch vor Keimen und Fäulnis schützen. Schon bald kann hier geerntet werden.

Rote Zwiebeln sind das Lieblingsgemüse von Yves Ramseier. Genau wie sie hat der 37-jährige Seeländer seine Wurzeln hier im Grossen Moos. Aufgewachsen auf dem Betrieb seines Vaters in Bargen, hat er diesen schon in jungen Jahren übernommen und weitergeführt. Mit zwei Angestellten und fünf Saisonniers bewirtschaftet er heute 70 Aren Gewächshäuser und 17 Hektaren Felder.

Dort wächst mehrheitlich Gemüse: Gurken, Salate wie Frisée, Cicorino rosso, Eichblatt und Lattich, Kreuzblütler wie Broccoli und Blumenkohl. Auch Rüebli, Sellerie, Tomaten oder Kürbisse werden kultiviert. Rund 10 Prozent der Ernte gibt es in Ramseiers Hofladen zu kaufen, den grossen Rest nehmen Schweizer Detailhändler ab. Im Büro schaut Ramseiers Mutter zum Rechten. Sein Vater betreut den Hofladen – mittags kocht er für alle. Auch für die drei Enkelinnen im Alter zwischen 7 und 12 Jahren.

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Im Herbst sind Yves Ramseiers Kürbisse gerade hoch im Kurs.

Yves ist gelernter Gemüsegärtner und nimmt uns mit auf einen Rundgang durch seine Felder. Flach und weitläufig ist das Land. Der Toyota braust über staubige Feldwege. Ein lautes Hupen – rund zwei Dutzend Krähen lassen vom gefrässigen Picken auf dem Feld eines Bauernkollegen ab und flattern davon.

Sie zu vertreiben, sei Ehrensache. Man helfe sich gegenseitig. «Leider kommen sie schnell wieder», sagt Yves mit einem Achselzucken. Da könne man noch so ausgeklügelte Geräte aufstellen, «die Tiere gewöhnen sich an Abschreckung». Etwas weiter stehen Salatköpfe vom eigenen Anbau in Reih und Glied. Saftig und grün bilden sie einen surrealen Kontrast zum trockenen Boden, auf dem sie stehen.

«Zum Glück können wir wässern, sonst wären wir verloren.»

Dass hier alles wächst und gedeiht, ist nach dem Hitzesommer 2026 nicht selbstverständlich. Zwischen Mai und August gab es kaum Regen. «Zum Glück können wir wässern, sonst wären wir verloren», sagt Yves. «So etwas haben wir zuletzt 2003 erlebt.» Die Bewässerungsanlage lief monatelang auf Hochtouren.

Bei diesem System wird Grundwasser durch Aluminiumrohre gepumpt, auf denen im Abstand von 14 Metern sogenannte Regner montiert sind. Diese drehen sich durch den Wasserdruck und verteilen das Wasser grossflächig auf die Felder. Seit einem Jahr kommt das Wasser aus einer ehemaligen Trinkwasserquelle der Gemeinde, die Yves mit vier anderen Produzenten teilt. Seither braucht es keine Dieselpumpen mehr. Elektrische Pumpen befördern das Wasser durch Bodenleitungen auf die Felder.

Person kniet zwischen Salatreihen auf einem Feld und hält einen dunkelroten Kopfsalat in den Händen.

Trotz Trockenheit schön gewachsen und bereit für den Verkauf: Salate gehören bei Ramseiers zu den wichtigsten Gemüsekulturen. 

Das Wässern hat auf dem Broccolifeld gut funktioniert. Die ältesten Köpfe sind rund und dicht gewachsen – grosse, wellige Blätter umschliessen sie wie ein schützender Kragen. Auf den benachbarten Reihen werden die Pflanzen immer kleiner, bis hin zu frischen Setzlingen ganz am Ende des Feldes.

«Alle zwei Wochen pflanzen wir hier neuen Broccoli», erklärt Yves Ramseier. «So können wir bis Ende Oktober ernten.» Das Gemüse gelangt via Zwischenhändler in die Regale von Coop, Migros und Lidl. Es sei denn, es ist nicht perfekt gewachsen. Noch immer bestünden Abnehmer auf normierte Grössen und Formen.

«Einige Pflanzen haben sich eigenartig verformt. Obwohl sie dann noch geniessbar sind, können wir sie nicht mehr verkaufen.»

Tatsächlich hat der Hitzestress in diesem Jahr teilweise zu unregelmässigem Wachstum geführt. «Einige Pflanzen haben sich eigenartig verformt. Obwohl sie dann noch geniessbar sind, können wir sie so nicht mehr verkaufen», so Bauer Ramseier. Was nicht passt, bleibt meist auf dem Feld.

Von Fräsen zerkleinert, werden die Pflanzenreste schliesslich wieder in den Boden eingearbeitet und düngen ihn auf natürliche Weise. Den Begriff Food Waste findet Ramseier daher schwierig. «Die Nährstoffe gelangen zurück in den Kreislauf und werden genutzt», sagt er selbstbewusst. Für ihn habe das nichts mit Verschwendung zu tun.

Was nicht der Norm entspreche, gebe er den Kundinnen und Kunden seines Hofladens manchmal gratis ab. Es sei ihm wichtig, zu signalisieren, dass zum Beispiel auch ein krummes Rüebli ein wertvolles Lebensmittel sei. Wohlgeformt hängen im Gewächshaus reife Nostrano-Gurken an ihren Trieben. Die einzelnen Pflanzen – insgesamt 7880 – haben ganze Arbeit geleistet und immerwieder neue Zöglinge produziert.

Geerntet wird täglich. Zweimal die Woche leiern Arbeiter die Schnur an der Spitze der Pflanze einige Zentimeter ab, damit die Triebe weiter hochklettern können. Obwohl im Folientunnel geschützt, sind auch sie nicht gefeit vor Krankheiten. Yves Ramseier zeigt die Spuren des strengen Sommers anhand alter Ranken.

«Wir testen gerade eine Bakterienkultur, die gegen Krankheiten wirkt. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend.»

Spinnmilben haben dichte Gespinste an den Unterseiten hinterlassen, Mehltau grossflächige, graue Beläge. «Das ist bis zu einem gewissen Grad normal», sagt er, «aber dieses Jahr hatten wir mehr davon.» Wie er in Zukunft dagegen ankämpfen will, zeigt sich ein paar Schritte weiter. Dort sieht es deutlich grüner aus. «Wir testen gerade eine Bakterienkultur, die gegen Krankheiten wirkt.

Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend», so die Zwischenbilanz. Die Bakterien dienen als umweltschonende Alternative zu Pestiziden, stärken die Pflanzen und fördern ihr Wachstum.

Im Herbst machen die Gurken dem Nüssler Platz. Über 300 000 Setzlinge des beliebten Wintersalats finden hier bis Anfang November ein gemachtes Nest, wenn die Gurkenpflanzen ausgerissen, die Folien am Boden entfernt und die Erdschichten aufgelockert sind.

Der Betrieb im Winter ist ruhiger. Die Saisonniers sind zu ihren Familien zurückgekehrt, und auch Yves Ramseier wird mehr Zeit finden für seine Töchter. Dann wird er auch wieder häufiger kochen. Stets fester Bestandteil seiner Gerichte: rote Zwiebeln, sein Lieblingsgemüse.

Grosses Moos in Zahlen

Illustration einer Karte mit Traktor, Gemüse, Bauernhaus, Nutztieren und Infotexten zur Landwirtschaftsfläche, Gemüseproduktion und Beschäftigung im Seeland.

Wo heute Zucchetti, Kürbisse und Blumenkohl wachsen, war bis ins 19. Jahrhundert vor allem eines: Wasser. Das Grosse Moos zwischen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee war ein unwegsames Sumpfgebiet, das regelmässig überflutet wurde. Zwei Juragewässerkorrektionen (1868–1878 und 1962–1972) machten die Ebene für die Landwirtschaft nutzbar. Der Wasserstand der Seen sank, die St. Petersinsel wurde zur Landzunge und die Aare durch den Hagneckkanal in den Bielersee geleitet. Die fruchtbaren Torfmoorböden boten ideale Voraussetzungen für den Gemüseanbau.

Kallnach–Singapur, Boarding please

Man hätte hier aber auch abheben können. Ab 1945 suchte der Berner Grosse Rat einen Standort für einen interkontinentalen Flughafen als Ersatz für Bern-Belp. Das Grosse Moos schien perfekt: flach, weitläufig und mit guten Windverhältnissen. Zwischen Siselen und Kallnach sollte eine 2500 Meter lange Piste entstehen – samt Rollfeld, Terminal, Restaurants und Kontrollturm. Doch Landwirtschaft, Verbände und Bevölkerung liefen Sturm, 1972 war der Plan vom Tisch. Stattdessen sorgen heute vermehrt seltene Vogelarten wie Kiebitze, Grauammern, Steinkäuze oder Feldlerchen für täglichen Flugverkehr.

Fotos: Illumina GmbH